Redebeitrag der #BettelLobby bei der Mahnwache für den noch unbekannten erfrorenen Obdachlosen in Dresden Pieschen

Im Folgenden dokumentieren wir einen Redebeitrag Vertreter:innen der BettelLobby bei der Mahnwache für einen noch unbekannten obdachlosen Menschen am 12.02.2021 am Dresdner Rathaus:

 

 

Hallo und herzlich willkommen
schön dass ihr und Sie da seid!
Wir sind Teil der BettelLobby

Wir sind heute hier um einem uns unbekannten erfrorenen Obdachlosen zu erinnern. Außerdem wollen wir auf die unhaltbare Situation für Obdachlose aufmerksam machen:

Die Pandemie trifft Obdachlose ganz besonders. Wo kein Rückzugsraum, keine Wohnung, ist das Abstandhalten nicht möglich. Unterkünfte, so sie angenommen werden, stiften keine Ruhe, keinen Schutz. Sie sind Orte der Verwahrung und nicht des Wohnens. Obdachlose berichten davon, dass die Zugänge schwierig sind und dass sie Angst vor der Situation haben zu vielen gemeinsam zu schlafen, zu essen. Frauen und Queers haben Angst und fühlen sich oft nicht geschützt. Die Straße heißt immer große Schutzlosigkeit: Kein Dach über dem Kopf, keine ruhige Minute, keine Wärme, keine Hygiene! Obdachlosigkeit ist immer Stress und gefährdet die Gesundheit.

Zur Pandemie kommt jetzt noch ein immens kalter Winter! Die Minusgrade machen Obdachlosen das Leben zur Hölle. Im Null Komma Nichts ist der Körper kalt und das Schnorren und Betteln, das Flaschensammeln und andere Einkünfte sind fast unmöglich.

Wohnungen & Ferienwohnungen stehen leer, Hotelzimmer stehen leer. Sollen wir gerührt sein über warme Decken und Notunterkünfte?
In der Stadt Dresden stehen insgesamt 394 Schlafplätze zur Verfügung, diese Zahl wird immer wieder bemüht. Außer Acht wird gelassen dass viele Obdachlose da nicht sein wollen oder können. Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke) mahnt: „Es ist unser aller Aufgabe, noch deutlicher als sonst, die Augen offen zu halten. Jeder kann hilflose Menschen unterstützen!“. Das mag aus den Augen eines Kindes eine Handlungsoption sein aber doch nicht für eine Sozialbürgermeisterin. Es ist ihre Aufgabe mehr zu bieten als Angebote die nicht gemocht werden. An alle zu appellieren macht ihre Verantwortung klein: Wir sagen Housing First! Wir wollen Wohnungen für alle! Es stünde gerade der Linken gut zu Gesicht Sozialpolitik als Sozialpolitik zu begreifen und nicht die Verantwortung auf alle zu verteilen. Ein lächerliches „Halten sie die Augen auf“ entzieht sich jeder Verantwortung! So: Wer jetzt keine Unterstützung leistet, handelt verantwortungslos. Selbst die Unterbringung in Hotels kann nur kurzfristig Abhilfe schaffen. Perspektivisch kann nur eine eigene Wohnung die Lösung für Obdachlose sein. In Deutschland gibt es 52.000 Obdachlose und es stehen rund 600.000 Wohnungen leer. Augen auf, Frau Kaufmann!

Und nun ist das schrecklichste passiert: Am Nachmittag des 4. Februar wurde ein verstorbener Obdachloser von Passanten in dem Keller eines bereits abgebrochenen Hauses in Dresden-Pieschen gefunden“, so Oberstaatsanwalt Jürgen Schmidt laut Sächsischer Zeitung.

Wir sind hier weil wir unendlich traurig und wütend sind!
Wir kennen den Verstorbenen nicht, es ist schwierig an jemanden zu erinnern den wir nicht kennen. Wir kennen seine Vorlieben nicht, seinen Geschmack, seine Lebensgeschichte.
Wir wollen auch sprechen über zwei weitere Verstorbene – zwei die wir kennen: Milan und Elemir. Beide kommen aus der Slowakei, sind obdachlos gewesen und sind im letzten Jahr in Dresden verstorben, nicht an Corona – aber wegen Corona und sozialer Kälte. Milan am Stress des Bettelns und der Armut, die einfach krank macht. Corona hat das Leben erschwert, bis hin zum Tod. Elemir ist zwei mal im Krankenhaus wegen seiner Lungenentzündung gewesen, beim zweiten mal „gesund“ entlassen. Er hustete aber noch immer schwer. Er hat dann eine Unterkunft bekommen – aber nur eine Nacht: ich bin nicht mehr der Jüngste, ich muss bleiben können! Doch das konnte er nicht und ist in und an Obdachlosigkeit gestorben.

 

 

(An dieser Stelle wurde ein Gedicht verlesen)

 

Was wir aber wissen ist, dass der Kältetod ein schrecklicher Tod ist. Es ist ein Mensch in dieser Stadt erfroren. Da helfen keine warmen Worte, kein Augen auf, keine Verantwortungsverteilung. Die Gesundheit von Menschen in Obdachlosigkeit ist immer gefährdet. Die Minusgrade waren aber mit Ansage lebensbedrohend. Die nächsten Wochen bleiben lebensgefährlich! Machen Sie die Wohnungen und Hotels auf. Niemand konnte und wird sagen können dass das nicht absehbar war.

Es bleibt dabei – Obdachlosen zuhören und die Bedürfnisse ernst nehmen. Angebote nach den Bedürfnissen einrichten und nicht nach einer Verwaltungslogik. Diese Gesellschaft, so wie sie eingerichtet ist, produziert Tod.

Von daher: Armut bekämpfen, nicht Arme. Autonomie und Gerechtigkeit für Obdachlose.

 

(zum Abschluss wurde ein weiteres Gedicht verlesen)

 

 

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